«Wir stehen nicht mehr alleine da»

Artikel, 24.11.2015

Seit September 2015 strömen täglich Tausende von Flüchtlingen nach und durch Slowenien. Von den Erfahrungen der Schweizer Humanitären Hilfe bei der zweckmässigen Einrichtung von Flüchtlingslagern kann seit Anfang November der slowenische Zivilschutz profitieren. Für Stanislav Lotric ist die Unterstützung der Schweiz auch als Zeichen der Solidarität wichtig.

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Stanislav Lotrič (recht) im Gespräch mit dem Schweizer Teamleiter Simon Tschurr. © DEZA

Interview mit Stanislav Lotrič, Leiter Operationen beim slowenischen Zivilschutz.

Wie lange sind Sie mit Ihrer Arbeit bereits in die Flüchtlingskrise involviert? 

Von Anfang an, d.h. seit Anfang September. Die ersten paar Tage waren sehr schwierig, denn wir waren nicht auf so viele Flüchtlinge vorbereitet. Wir wussten zwar, dass Flüchtlinge nach Slowenien kommen würden, da Ungarn ja über Monate hinweg den Zaun errichtet hatte, aber mit solch hohen Zahlen hatten wir nicht gerechnet. Es gab Tage, an denen ca. 11,000 Menschen in unser Land kamen. 

 

Wann haben Sie gemerkt, dass Slowenien diese Krise nicht mehr alleine stemmen kann und die Hilfe anderer Länder, etwa der Schweiz, benötigt? 

Als wir gemerkt hatten, wie viele Menschen jeden Tag ankamen, wurde uns sehr schnell klar, dass uns irgendwann das Material ausgehen würde. Aus diesem Grund fragten wir bei der EU um Unterstützung an. Zudem haben wir bilateral die Hilfe von anderen Ländern, wie z.B. der Schweiz, Ungarn, Österreich, Frankreich, Spanien, der Tschechien etc. gesucht. 

 

Sind die Erfahrungen der Schweiz und der anderen Länder für die Bewältigung dieser Krise hilfreich? 

Sie sind extrem nützlich, denn wir holen andere Meinungen ein und sehen die Dinge aus einer anderen Perspektive. Die Experten aus der Schweiz haben beispielsweise viel mehr Erfahrung darin ein Lager oder ein Unterbringungszentrum wirkungsvoll anzulegen. So etwas passiert bei uns nicht täglich, und Slowenien hat relativ wenig Erfahrung mit den religiösen und kulturellen Aspekten der Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten. Natürlich gab es bei uns vorher auch Flüchtlinge, z.B. aus Bosnien-Herzegowina während den Balkankriegen, aber das war etwas ganz anderes. Die Menschen, die damals nach Slowenien kamen, hatten hier Verwandte, und es gab kaum kulturelle Unterschiede. Wir waren also nicht mit einer völlig anderen Kultur konfrontiert wie jetzt. Die Erfahrungen der Schweiz sind sehr nützlich. 

 

Ist es wichtig für Sie zu wissen, dass Sie auf Unterstützung zählen können? 

Diese Krise ist natürlich nicht nur unser Problem, sondern ein Problem Europas. Wir sind ein Transitland und wir geben unser Bestes, dass die Menschen ihre Würde behalten können. Es ist aber auch gut zu wissen, dass andere Länder hier sind, um uns zu unterstützen. Wir stehen nicht mehr alleine da und fühlen uns unterstützt, und dafür sind wir sehr dankbar. 

 

Hatten Sie seit Beginn der Flüchtlingskrise einmal Zeit zum Durchatmen? 

Manchmal schon, aber wir sind hier immer noch im Krisenmodus. Ich bin seit zwölf Jahren beim Zivilschutz. Es gab zwar vorher schon grosse Krisen, wie z.B. der verheerende Eisregen im Februar 2014 oder Überschwemmungen. Bei solchen Krisen oder Katastrophen wissen wir allerdings immer, dass sie nach einer gewissen Zeit vorbei sein werden. Die momentane Situation ist anders. Wir sehen kein Licht am Ende des Tunnels. Die Menschen kommen von Griechenland, und sie kommen jeden Tag. Das ist der grosse Unterschied zu einer Naturkatastrophe. 

 

Und wie gehen Sie persönlich mit dieser Situation um?

Ich versuche mein Bestes zu geben und das tue ich auch. Im Moment ist es noch ok. Wir werden sehen, was die Zukunft bringen wird.